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Gemeinsam in den Abgrund?

Nun hat der Bahnstreik auch mich erwischt. Am Wochenende soll ich mit der Bahn von München nach Hamburg. Fliegen fällt wegen empfindlichem Gepäck aus und Auto wegen „keine Lust 900 km durch Staus zu kriechen“. Der News-Ticker meldet: Gerade lehnte die GDL ein Schlichtungsangebot der Bahn ab.

Grund nachzudenken, warum die Kontrahenten so entscheiden wie sie entscheiden.

Entscheidungen in einem Konflikt folgen einer eigenen Gesetzgebung. Sobald die Win-Win-Phase verlassen wird, geht es fast immer um emotionalen oder politisch/gesellschaftlichen Machterhalt. Beim Bahnstreik ist inzwischen ein heißer Konflikt zwischen den Konfliktparteien Bahn und GDL entbrannt. Nach Friedrich Glasl‘s Phasenmodell der Eskalation haben wir bereits die 3. Eskalationsstufe „Taten statt Worte“ hinter uns gelassen und steuern im Schnellzug auf die Stufe 9 zu: „Gemeinsam in den Abgrund“.

Wenn man genauer hinsieht und die Hintergründe der Entwicklung betrachtet, könnte einem folgende Geschichte einfallen:

Zuerst nimmt das Management der Deutschen Bahn den Chef der Lockführergewerkschaft GDL nicht ganz so ernst. Eine Entscheidung, die sich auswirkt, auch wenn sie nie ausgesprochen wird. Herrn Weselsky begehrt auf und zeigt seine Waffen: Forderungen und fehlende Einigungsbereitschaft. Die Bahn-Vertreter stutzen, nehmen Herrn Weselsky nun sehr wohl ernster, aber wegen der (aus ihrem Blickwinkel) überhöhten Forderungen wieder nicht ernst genug. Sie sind alarmiert, wollen zwar das Schlimmste verhindern, gleichzeitig bedeutet das Eingehen auf die Forderungen einen drohenden Schaden in der Zukunft. Also bieten sie etwas an, das unter seinen orderungen liegt. Dadurch erfährt Herr Weselsky noch weniger Wertschätzung. Seine Enttäuschung wird größer, darf aber nicht gezeigt werden, weshalb er sie zu Kampfeslust transformiert. Er bekommt – auch persönlich – sehr viel Energie durch Medien und Meinungsmacher. Und alle schauen zu. Inzwischen hat der GDL-Chef das köstliche Süß der Machtausübung gekostet. Wie fühlt es sich an, die Bahn-Bosse zu pieken oder gar irgendwann ontrollieren?

Vermeintlich die Bahnkunden auf seiner Seite, marschiert Weselsky einfach weiter, wie ein Feldherr, der die Strecke, die vor ihm liegt zu kennen glaubt. Was bräuchte es, damit er die Verhältnismäßigkeit von Zielen, Mitteln und Wirkungen wieder sehen kann?

Ich bin gespannt, wie und wann ich nach Hamburg komme. Noch viel mehr gespannt bin ich, wie die Geschichte ausgeht.

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